Call for Papers

Vor genau zehn Jahren hat die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) zuletzt auf ihrer Jahrestagung in Lugano ein Selbstverständnispapier verabschiedet. Dabei ging sie explizit auch auf die Frage nach ihren Theorien ein. Eine „alles dominierende Theorie“ (DGPuK 2008: 3) sei damals in der Disziplin nicht auszumachen gewesen, sondern vielmehr ein „Pluralismus der Theorien, Methodologien und Konzepte“. Typisch seien dabei Theorien mittlerer Reichweite, verbunden mit dem Anspruch, „Aussagen über klar begrenzte Phänomene der Wirklichkeit zu treffen und immer wieder zu prüfen“ (DGPuK 2008: 3). Zunehmend werde jedoch auch an der Entwicklung von Theorien „mit umfassenderen Erklärungsansprüchen“ (DGPuK 2008: 3) gearbeitet.

Ein Jahrzehnt später drängt sich daher die Frage regelrecht auf, welche Pfade seitdem beschritten worden sind. Die Pre-Conference im Vorfeld der Jahrestagung 2018 der DGPuK soll dies beantworten.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass sich die Kommunikationswissenschaft auch in den letzten Jahren weiter ausdifferenziert hat. Ein Beleg dafür ist das Tempo, mit dem sich neue Fachgruppen innerhalb der DGPuK etabliert und damit neue, junge Teildisziplinen institutionalisiert haben. Bemerkenswert ist dabei, dass es zwar eine Fachgruppe zu Methoden der Kommunikationswissenschaft gibt, nicht aber zu Theorien. Damit fehlt in Zeiten fundamentaler medialer und gesellschaftlicher Veränderungen und notwendiger Anpassungen von Theorien und Modellen ein kontinuierlicher Austausch, um Bezüge zwischen den Entwicklungen einzelner Teildisziplinen herzustellen. Insbesondere die „programmatisch festgeschriebene Offenheit“ (Vorderer et al. 2006: 301) der Kommunikationswissenschaft erfordert es, den Theoriebestand regelmäßig sorgfältig zu prüfen und damit stärkere Chancen für eine Weiterentwicklung des Fachs insgesamt zu eröffnen. Kurzum: Damit das Programm der Kommunikationswissenschaft jetzt und in Zukunft funktioniert, muss regelmäßig Inventur betrieben werden.

Gerade der Austausch auf Tagungen bietet hierzu Gelegenheit. Die letzten Workshops, die explizit die Theorien der Kommunikations- und Medienwissenschaft in ihrer gesamten Breite fokussiert haben, wurden allerdings in den Jahren 2004 und 2005 veranstaltet. Die dort verhandelten zentralen Fragen sind bis heute relevant und bilden auch die Grundlage dieses Calls: Worin sind die grundlegenden Theorien der Kommunikationswissenschaft zu sehen und inwiefern findet originäre Theorieentwicklung in der Kommunikationswissenschaft statt?

Die Kommunikationswissenschaft nimmt für sich in Anspruch, eine „Integrationswissenschaft“ (u.a. Kunczik und Zipfel 2005: 20) bzw. eine „Querschnittswissenschaft“ (Krotz et al. 2008: 9) zu sein. Sie überführt also Theorien und Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen in ihr eigenes Repertoire (Schweiger et al. 2009: 534). Überspitzt kann daher über die Kommunikationswissenschaft gesagt werden: „Je schamloser sie sich aus anderen Fächern bedient, desto stärker ihre heuristische Kraft.“ (Schönbach 2016: 3). An anderer Stelle wird dagegen eine zu starke Konzentration auf wenige Theorien und Personen gesehen (Russ-Mohl 2015: 4). Es kann unbestritten festgehalten werden, dass die Kommunikationswissenschaft in ihrer 100-jährigen Geschichte die importieren Theorien weiterentwickelt und auf den Gegenstand des Fachs angepasst hat. Darüber hinaus ist auch die Entwicklung eigener Theorien zu beobachten.

Ziel dieser Pre-Conference ist es, jenseits des klassischen, auf die Präsentation von Befunden angelegten Tagungsformats einen Raum zu schaffen, um das Repertoire an Theorien und Modellen der Kommunikationswissenschaft zu inspizieren und Bilanz zu ziehen.

Gewünscht werden Beiträge zu den zwei angesprochenen zentralen Themenfeldern, die auf nachfolgende Fragestellungen Bezug nehmen:

I. Weiterentwicklung von Theorien und Modellen aus anderen Disziplinen in der Kommunikationswissenschaft

  • Wie könnte eine nationale und internationale Landkarte der Theorien der Kommunikationswissenschaft aussehen?
  • Wie verändern die Rahmenbedingungen der Digitalisierung, Globalisierung, Individualisierung und Mediatisierung die Theorie- und Modellentwicklung und -anwendung?
  • Welche neueren Theorienentwicklungen gibt es im Umfeld des Fachs, die angesichts veränderter Rahmenbedingungen beachtet werden sollten und wichtige Fragestellungen beantworten könnten?
  • Was leisten etablierte Theoriefelder und was können diese nicht leisten?
  • Wo sind aktuell Felder und Diskurse im Kontext des Fachs auszumachen, von denen die kommunikationswissenschaftliche Theoriebildung derzeit maßgeblich ausgeht?
  • Wie ist das Verhältnis von Kommunikations- und Medienwissenschaft bei der Theorieentwicklung?
  • Wie ist der Stand der Theorie- und Modellentwicklung in der Kommunikationswissenschaft im internationalen Maßstab?

II. Entwicklung neuer Theorien und Modelle innerhalb der Kommunikationswissenschaft 

  • Warum entwickelt die Kommunikationswissenschaft so wenig eigene Theorien?
  • Warum wird in der Kommunikationswissenschaft nur wenig Modellentwicklung betrieben?
  • Welche vielversprechenden neuen Theorieansätze auf Meso- und Makroebene gibt es innerhalb der (jüngeren) Teildisziplinen des Fachs, die für die Kommunikationswissenschaft insgesamt fruchtbar gemacht werden könnten?
  • Welche Theorien sind „unterbeleuchtet“ und für aktuelle Fragestellungen besonders geeignet?
  • Was sind die Leistungen, Anschlusspotenziale aber auch mögliche Grenzen bisheriger kommunika-tionswissenschaftlicher Theorienbildung?

 

Einreichungsmodalitäten

Vorgesehen ist auf der Pre-Conference ein interaktiver und diskursiver Austausch. Geplant sind als Formate a) Kurzpräsentationen, die eng mit diskursiven Elementen und Diskussion verknüpft werden, b) Postersessions und c) klassische Panelpräsentationen. Im Interesse eines möglichst anregenden Ablaufs des Programms ordnet das Organisationsteam angenommene Beiträge einem der drei Formate zu.

Alle Beiträge in Form anonymisierter Extended Abstracts (4.000 bis 6.000 Zeichen inklusive Leerzeichen, zzgl. Literatur, Tabellen und Abbildungen) mit Bezug zum Thema der Pre-Conference sind bis spätestens 15. Oktober 2017 unter folgender E-Mail einzureichen: dgpuk2018precon@gmail.com.

Die Einreichungen werden anonym begutachtet. Die Ergebnisse des Reviews werden bis zum 15. Dezember 2017 bekannt gegeben. Rückfragen zum Reviewprozess können an alle Mitglieder des Organisationsteams gestellt werden.

Der Beitrag darf in dieser Form nicht bereits in einer Publikation veröffentlicht oder auf einer wissenschaftlichen Tagung präsentiert worden sein. Dieser Sachverhalt ist auf dem Deckblatt ausdrücklich zu erklären.

Eine Publikation ausgewählter Tagungsbeiträge als Sammelband oder Special Issue ist geplant.

Verwendete Literatur:

DGPuK (2008). Kommunikation und Medien in der Gesellschaft: Leistungen und Perspektiven der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Lugano.

Krotz, F., Hepp, A., & Winter, C. (2008). Einleitung: Theorien der Kommunikations- und Medienwissenschaft. In C. Winter, A. Hepp, & F. Krotz (Hrsg.) Theorien der Kommunikations- und Medienwissenschaft. Grundlegende Diskussionen, Forschungsfelder und Theorienentwicklung (S. 9-25). Wiesbaden: Springer VS.

Kunczik, M., & Zipfel, A. (2005): Publizistik. Ein Studienhandbuch. Köln: Böhlau.

Russ-Mohl, S. (2015). Der überfällig Ruck im Fach, Aviso 61, 4.

Schweiger, W., Rademacher, P. & Grabmüller, B. (2009). Womit befassen sich kommunikationswissenschaftliche Abschlussarbeiten? Eine Inhaltsanalyse von DGPuK-TRANSFER als Beitrag zur Selbstverständnisdebatte. In: Publizistik, 54 (4), 533–552.

Schönbach, K. (2016). Kein Grund, sich zu genieren. Aviso 62, 3.

Vorderer, P., Klimmt, C., & Hartmann, T. (2006). Interdisziplinarität. In: Publizistik, 50 (5), Sonderheft „50 Jahre Publizistik“, 301-314.

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